Erinnerungen zum 198. Geburtstag eines großen Naturforschers.

Seine Geschichte spielt in einer Zeit des Umbruchs. Viele neue Maschinen wurden erfunden, unbekannte Erdteile erschlossen, die technische Entwicklung revolutioniert das Leben und Arbeiten der englischen Bevölkerung.

Ein Zeitalter des wirtschaftlichen Aufschwungs unter der streng monarchistischen Führung des englischen Königshauses. Die Ober- und Mittelschicht Englands, regiert von der vielgeliebten Königin Victoria, erlebt eine Blütezeit unbekannten Ausmaßes. Die Epoche wird als das viktorianische Zeitalter in die Geschichtsbücher eingehen.

Ein ungewöhnliches Kind

Am 12. Februar 1809 wird Charles Robert Darwin in Shrewsbury, westlich von Birmingham, als jüngstes von fünf Geschwistern geboren. Gut behütet wächst er im Schoß einer bürgerlichen Industriellenfamilie heran. Doch schon bald fürchtet sein Vater, Arzt und seit seiner heirat angesehener Besitzer einer bekannten Steingut-Manufaktur, den Spott der Oberschicht.

>>Du hast nichts im Sinn als schießen, Hunde und Ratten fangen.<< Sein Jüngster enttäuscht den Vater, er hält Charles für >>sehr gewöhnlich<< und >>etwas unter dem Durchschnitt<<. Der Junge langweilt sich in der Schule, nur die Biologie interessiert ihn. Als er acht Jahre alt ist, sammelt er bereits kleine Tiere und ordnet diese fein säuberlich in Gruppen. Er ähnelt immer mehr seinem Großvater, der ebenfalls Mediziner war, aber nebenbei auch naturgeschichtliche Ausarbeitungen verfasste.

Medizin, Theologie oder Forschung ?

Auf Wunsch seines Vaters beginnt der junge Darwin in Edinburgh ein Medizinstudium. Unzufrieden bricht er nach zwei Jahren ab, wechselt zur Hochschule nach Cambridge über und studiert dort Theologie. Aber auch hier widmet er seinem Forscherdrang jede freie Minute. Der 22jährige schafft 1831 dank großzügiger Unterstützung von zu Hause das Examen - einem beschaulichen Leben als Geistlicher steht eigentlich nichts mehr im Wege. Doch der lebenslustige und immer neugierige Darwin kann sich mit diesem Gedanken nicht anfreunden; er hat andere Interessen.

Dann erfährt er, dass die britische Admiralität für eine Vermessungsfahrt einen Begleiter für kartographische Arbeiten sowie botanische und zoologische Untersuchungen sucht. Kurz entschlossen heuert Darwin an. Geld bekommt er dafür nicht; mit stolzen 700 Pfund muss er sich an seiner Verpflegung und Ausrüstung beteiligen.

Mit offenen Augen in der Fremde

Noch im gleichen Winter verlässt der Dreimaster >>Beagle<< den Hafen von Plymouth. In einer Hängematte über dem Kartentisch verbringt er die Nächte. Die nächsten fünf Jahre lebt Darwin mit 70 Seefahrern auf dem weniger als dreißig Meter langen Segelschiff. Häufig ist er seekrank. Im Kartenraum kann der 1,80 Meter große Engländer nicht einmal aufrecht stehen.

Als er die Artenvielfalt der tropischen Wälder Brasiliens seiht, beginnt er, an der biblischen Schöpfungsgeschichte zu zweifeln. Dies alles konnte nicht auf Noahs Arche Platz gefunden haben. Wer hätte diese vielen Tiere und Pflanzen in nur sieben Tagen zum Leben erweckt?

Auf einer Inselgruppe im Pazifik, den Galapagosinseln, findet er Schildkröten, die es nirgends sonst gibt. Auf einer der kleinen Inseln entdeckte er >>über zehn Spezies von Finken, die nur auf diesem Archipel vorkommen<<. Nur ihre Schnäbel haben grundverschiedene Formen.

Im Winter 1836/37 kehrt das Schiff nach England zurück. Er ist überzeugt: Die vielen Unterarten - Darwin nennt sie Variationen - müssen sich irgendwie >>entwickelt<< haben.

Krone der Schöpfung

Bei Charles Darwin fällt der Groschen. Er geht davon aus, dass die Theorie dieses >>Gesetzes<< auch auf Pflanzen und Tiere übertragbar ist. Der Kampf tobt also nicht  nur  zwischen  den Arten (Räuber und Beute), sondern vor allem auch unter den Tieren der  selben Art. Die vielen Nachkommen einer Tierart unterliegen einer unbarmherzigen Zuchtwahl, der natürlichen Selektion. Die besser angepassten Lebewesen, die Schnelleren, die besser Getarnten und die Stärksten erhalten ihre Art. Die Schwachen oder Kranken werden ständig verdrängt - alles unterliegt einem zeitlichen Wandel.

 

 

Kaninchen mit herabhängenden Ohren übten auf Charles Robert Darwin (1809-1882) eine besondere Faszination aus.

 

Doch als Darwin die Behauptung aufstellt, dass auch die Menschen den Regeln dieses Kampfes unterliegen und keinesfalls die von Gott gewollte >>Krone der Schöpfung<< sind, stößt er auf scharfe Kritik. Aus Rücksicht auf seine Frau Emma, die er 1839 heiratet, hält er seine neuen Ideen über lange Zeit zurück. Die Bibel steht zwischen ihnen; sie bewundert ihren Mann, aber sie bemerkt auch, dass sich Charles zunehmend vom Glauben fremdet. Nur sein kleiner Freundeskreis nimmt noch an seinem Gedankengängen teil. Der Engländer fürchtet weniger die Kirche als den Spott der übrigen Wissenschaftler.

Leben in geordneten Bahnen

Im Hochzeitsjahr übernimmt er eine feste Arbeit bei der Geologischen Gesellschaft von England. Wenig später veröffentlicht er seine Reisetagebücher und wird dadurch fast über Nacht berühmt und genießt plötzlich ein hohes Ansehen.

Dann zieht er mit seiner Familie aufs land. In der Grafschaft Kent kauft er ein ansehnliches Gutshaus. Der 33jährige hat damit seinen festen Wohn -sitz gefunden; weite Reisen unternimmt er nicht mehr. Fortan führt Darwin ein beschauliches Bürgerleben. Er führt seinen Hund aus, lauscht dem Klavierspiel seiner Frau und erfreut sich an den heranwachsenden Kindern.

Nur das Schreiben und Forschen kann er einfach nicht lassen. Was er über die Entwicklung der Arten aufzeichnen und bedenkt, hält er streng geheim. Völlig berechtigt fürchtet er mit seinen Erkenntnissen eine Lawine von Unverständnis und Empörung auszulösen. Er spürt, dass viele Menschen eine Verwandtschaft mit Affen und anderen Säugetieren als eine >>Kränkung ihrer Eigenliebe<< auffassen würden. Die eingefahrenen Strukturen in der Gesellschaft würden vermutlich schaden erleiden.

Mehr und mehr zieht er sich also in seine Gedankenwelt zurück; während er  unaufhörlich  grübelte, wird  er von Depressionen und Migräne geplagt. Das häufige Übergeben behandelt er mit Wismut und Opium. Auch die Ärzte wissen keinen Rat und keinen Rat und vermuten, dass Darwin an einer unbekannten Tropischen Krankheit leidet.

Durch die Liebe und Zuwendung seiner Frau gelingt es Darwin, von Zeit zu zeit ein neues Buch oder einen wissenschaftlichen Artikel zu verfassen. So berichtet er beispielsweise über die Entstehung von Koralleninseln oder beschreibt Vulkanausbrüche und Erdbeben. Mehr als vier Stunden am Tag kann er nicht mehr arbeiten.

Karikatur auf Charles Darwin nach dem Erscheinen seines Regen- buches mit Anspielung auf seine Abstammungslehre (Aus: Unsere Regenwürmer. Otto Graff. Verlag M. & H. Schaper, Hannover).

Hühner, Tauben und Kaninchen

>>Ein sorgfältiges Studium der Haustiere und Kulturpflanzen<< erscheint ihm das beste Mittel zu sein, um das >>schwierige Problem<< der Entstehung der Arten zu erhellen.

Obwohl die meisten Naturforscher seiner zeit kaum Notiz von den außerordentlichen vielfältigen >>Variieren der Tiere und Pflanzen im Zustand der Domestikation<< nehmen, beschäftigt er sich immer wieder mit den Nutz- und Zierpflanzen. Gründlich und sehr bedächtig untersucht die Herkunft und Verwandtschaft der unterschiedlichen Haustiere. Darwins besondere Vorliebe gilt aber den Hühnern, Tauben und Kaninchen.

Während Gregor Johann Mendel im tschechischen Brünn zur gleichen Zeit unabhängig davon an Kreuzungsversuchen mit Erbsen und Bohnen arbeitet, untersucht Darwin, den Farb- und Formenreichtum der verschiedenen Kleintierrassen. Pedantisch wertet er die vorhandene Fachliteratur aus, stöbert in naturkundlichen Museen und sammelt zahllose Einzelheiten zu >>seinem<< Thema.

Wie kann es kommen, dass aus aus einer Wildform, dem Wolf, dem Wildkaninchen, der Felsentaube oder dem Bankiva-Huhn unter der Obhut der Menschen - und  hier ist man sich schon damals fast einig - so viele verschiedene Zuchtformen entstehen? Besteht ein Zusammenhang zwischen der >>künstlichen Zuchtwahl<< durch die Auslese der Züchter und dem Konkurrenzkampf in der freien Natur? Wo ist die Grenze der göttlichen Schöpfung?

Er ahnt, dass diese Beobachtungen der Schlüssel zur Lösung seiner bohrenden Fragen sind, doch fast 20 Jahre werden vergehen, bis er das Manuskript seines bedeutendsten Werkes >>Über die Entstehung der Arten<< für druckreif hält. Bis zu diesem Zeitpunkt - vor genau 120 Jahren - hält Darwin seine Gedanken und Notizen vor der Öffentlichkeit zurück. Nie würde er seine Theorie an die große Glocke hängen, denn er scheut jegliche Konfrontation.

Selbst ein aktiver Züchter

Schon im ersten Kapitel stellt Darwin später fest: >>Nachdem ich fast alle englischen Hühnerrassen gehalten, sie gekreuzt und ihre Skelette untersucht habe, nehme ich sicher an, dass sie sämtlich Abkömmlinge des wilden indischen Huhns sind.<<

Auch die damaligen Rassetauben interessieren ihn brennend: >>Ich hielt alle Rassen, die ich kaufen oder mir sonst wie verschaffen konnte, und habe zahlreiche Bälge aus den verschiedensten Weltgegenden erhalten ...<< Darwin hatte Kontakt zu >>ausgezeichneten<< Taubenzüchtern und war selber Mitglied zweier Taubenclubs. Er berichtet von Kröpfern, Pfautauben, Möwentauben und Perückentauben. besonders ihren Knochenbau untersucht er genaustens.

Von den Variationen der Kaninchen ist er völlig beeindruckt: >>Englische hängeohrige Kaninchen wiegen 8-10 Pfund, und eines ist ausgestellt gewesen, welches 18 Pfund wog. Der Kopf oder Schädel ist bei allen den großen hängeohrigen Kaninchen, die ich untersuchte, im Verhältnis zu seiner Breite viel länger als beim wilden Kaninchen. Viele von ihnen haben bewegliche Hautfalten oder Wammen unter dem Hals, welche so weit vorgezogen werden können, dass sie fast bis zur Spitze der Kiefern reichen, Ihre Ohren sind fabelhaft entwickelt und hängen auf beiden Seiten des Gesichts herab. Eines wurde ausgestellt, dessen beide Ohren von der Spitze des einen bis zur Spitze des anderen gemessen 22 Zoll (entspricht etwa 56 cm) in der Länge maßen, und je3des Ohr war 5 3/8 Zoll (entspricht etwa 14 cm) breit.<< Darwin berichtet weiter von hasenfarbigen, großen Kaninchen aus Belgien, von Angora-Kaninchen, von Moskau- oder Himalayakaninchen, Chinchillas und holländischen Kaninchen, >>welches der Färbung nach variiert und seiner geringen Größe wegen merkwürdig ist<<.

Und er interessiert sich natürlich besonders für den Vergleich von Kaninchen unterschiedlicher Herkunft, vergleicht die Fellsammlungen in den naturwissenschaftlichen Museen Englands und interpretiert seine eigenen Beobachtungen von den Südsee-Inseln, wo er Seefahrern  ent-

Die Vergleiche verschiedener Kaninchenschädel beschäftigten Darwin über lange Zeit.

kommene Kaninchen  beobachtete. Er nutzte alle greifbaren Informationsquellen: >> Auf meine Bitte hat Mr. Wollaston zwei dieser wilden Kaninchen in Spiritus mitgebracht, und später  hat  Mr. Haywood

mir drei weitere Exemplare in Salzwasser und zwei lebend geschickt.<<

Bald bemerkte Darwin die Ähnlichkeit der Wildkaninchen aus Spanien, Frankreich und England, während sich auf einigen der entfernten Inseln auch andersartige, kleinere oder andersfarbige Kaninchen ausgebildet haben: >>Endlich sehen wir, nach drei Fällen von Porto Santo bei Madeira, Jamaika und den Falklandinseln verwilderten Kaninchen, dass diese Tiere unter neuen Lebensbedingungen nicht zu ihrem ursprünglichen Charakter zurückkehren oder diesen behalten, wie so allgemein von den meisten Schriftstellern behauptet wird.<<

Stück für Stück trägt Darwin einen enormen Wissensschatz zusammen, dessen Einzelheiten zunächst nicht unbedingt miteinander in Zusammenhang stehen. Stets legt er großen Wert auf eine lückenlose Beweisführung und arbeitet langsam, aber entschlossen an seinen Theorien. Schließlich - und das ist ihm sehr wichtig - möchte er eines Tages den Ruhm des Entdeckers ernten.

Junger Kollege setzt ihn unter Zeitdruck

Ein junger englischer Naturforscher, Alfred Russel Wallace, brütet zeitgleich über ähnlichen Problemen. Wallace ist ebenfalls ein ausgezeichneter Kenner der Tierwelt. Er sammelt Tiere im fernöstlichen Ozean und beliefert viele britische Museen. Im Laufe seiner Arbeiten stellte er Verwandtschaften zwischen australischen Tieren mit Arten der weit vorgelagerten indonesischen Inseln fest. Auch der junge Kollege weiß nun, dass sich die Arten verändern können.

Sein erstes Buch zu diesem Thema veröffentlicht Wallace schon 1855. Doch die Ausführungen sind so vorsichtig formuliert, dass selbst Darwin keine Konkurrenz wittert. Drei Jahre später erhält Darwin von Wallace eine brandneue Ausarbeitung über die natürliche Auslese der Arten. Dieser soll den Text soll den Text verfeinern und an einen Verleger weiterleiten. Darwin ist völlig überrascht; später schreibt er in sein Tagebuch: >>Ich habe nie eine verblüffendere Gleichzeitigkeit gesehen. Wenn Wallace meine Manuskripte von 1842 gehabt hätte, eine bessere Zusammenfassung hätte er nicht machen können!<<

Beide Forscher bleiben weiterhin in Kontakt und teilen sich gewissermaßen den ersten Ruhm um die Entdeckung der wissenschaftlichen Erkenntnisse. Während Darwin den ausgesprochenen Feingeist seines jungen Kollegen rühmt, lobt dieser umgekehrt das große Fachwissen des berühmten und angesehnen Darwin. Doch dieser steht nun unter Zugzwang. Noch 1859 entscheidet er sich: Das Werk über die >>Entstehung der Arten<< wird gedruckt und erscheint bald darauf in dunkelgrünem Einband.

Staatsbegräbnis für einen >> Kätzer << ?

Die erwartete Reaktion der Kirche lässt nicht lange auf sich warten. Der Bischof von Oxford fragt einen der Anhänger von Darwins Theorien in einem öffentlichen Streitgespräch: >>Stammen sie von Seiten Ihres Großvaters oder der Großmutter eines Affen ab?<< Darwin, der unter den Anfeindungen durch den Klerus schwer zu leiden hat, arbeitet dennoch an seinem nächsten Druckwerk >>Die Abstammung der Menschen<< weiter. Rastlos versucht er, Vorwürfe zu entkräften, besser noch zu widerlegen. Später erklärt er sogar die Seele des Menschen zum Ergebnis der Evolution - dass der Aufstieg des Menschen viele Millionen Jahre gedauert hat und dass Geist und Moral auf eine Entwicklung der menschlichen Hirnstrukturen zurückzuführen ist.

1882 stirbt der 73jährige Darwin. Nur gegen den entschiedenen Widerstand des Klerus erhält der >>Ketzer und Materialist<< ein Staatsbegräbnis in der Krönungskirche der englischen Königsfamilie. Zu den Sargträgern gehört auch der fast vergessene Mitbegründer der Abstammungslehre: Alfred Russel Wallace.

Noch nach Darwins Tod werden seine Lehren oftmals fehlgedeutet und missbraucht. Politiker pochen auf das Recht des Stärkeren und beuten ihre Kolonien in aller Welt rücksichtslos aus.

Soziale Ungleichheit wird als natürlich Ausleseprozess akzeptiert, die Überlegenheit der >>arischen Rasse<< wird als Rechtfertigung für die Verdrängung >>rassefremder<< Bevölkerungsgruppen herangezogen.

Quelle:

Deutscher Kleintier-Züchter, 1999/3, Seite 26-29 Bericht von Dirk Wortmann Das Copyright für diesen Bericht liegt bei dem Zuchtfreund Dirk Wortmann  bzw. der Arbeitsgemeinschaft der Widderzüchter.

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