Die Grundlagen der Genetik

Für den Jungzüchter

Kapitel 8

Zuchtmethoden

Einführung

Unter Tierzucht versteht man das bewusste Verpaaren von Tieren mit einem  bestimmten Zuchtziel. Neben einer strengen Selektion (siehe hierzu auch Kapitel 7) müssen hierbei bestimmte Regeln beachtet werden, um einen züchterischen Fortschritt zu erreichen. Dabei können die Zuchtziele durchaus unterschiedlich definiert sein. Bei der Zucht von Haus- und Nutztieren orientiert man sich im Regelfall an den vom jeweiligen Zuchtverband festgelegten Rassestandard, welcher die charakteristischen Merkmale, der jeweiligen Rasse vorgibt. In der Rassekaninchenzucht richten wir uns dementsprechend an dem vom ZDRK vorgegebenen Rassestandard.

Dabei ist das Hauptziel einer Zucht die Herausbildung und Verbesserung der gewünschten Eigenschaften im Phänotyp und Genotyp, also des äußeren Erscheinungsbildes und der Erbgutausstattung (siehe hierzu auch Kapitel 2). Das festgelegte Zuchtziel erreicht man also zum einen durch die Zuchtauslese (künstliche Selektion siehe auch Kapitel 7) und zum anderen durch entsprechend ausgewählte Zuchtmethoden, die nach bestimmten Spielregeln funktionieren.

Ebenso dient die Zucht in heutiger Zeit natürlich auch der reinen Arterhaltung (Erhaltungszucht).

Zwergwidder lohfarbig schwarz

Die im Folgenden näher erläuterten Zuchtmethoden beruhen auf jeweils unterschiedlichen vorherrschenden Genwirkungsweisen. Man unterscheidet in der Kaninchenzucht im wesentlichen zwischen Reinzucht (Auslesezucht), Kreuzungszucht und Kombinationszucht. Die Kombinationszucht nimmt dabei eine Art Sonderstellung ein. Bei der Wahl der Zuchtstrategie sollte man sowohl  das gewünschte Zuchtziel, als auch das zur Verfügung stehende Zuchtausgangsmaterial und seine eigenen züchterischen Kenntnisse zur Entscheidungsfindung heranziehen.

I Reinzucht

Grundlage für die Rassekaninchenzucht ist die Reinzucht. Hierbei werden Kaninchen innerhalb einer Rasse und Farbenschlages miteinander verpaart. Die jeweilige Rasse stellt dabei eine so genannte Reinzuchtpopulation dar. Innerhalb dieser Rasse können die genetischen Anlagen allerdings breit streuen. Das Zuchtziel wird daher erst durch strenge Auslese unter Berücksichtigung des Zuchtwertes der einzelnen Zuchttiere erreicht. Innerhalb der Reinzucht wird zwischen Inzucht, Linienzucht und Fremdzucht unterschieden.

1. Inzucht

Bei der Inzucht, auch geschlossene Zucht genannt, werden blutsverwandte Tiere miteinander verpaart, wobei das Verwandtschaftsverhältnis, der eingesetzten Zuchtpartner zueinander, den jeweiligen Grad der Inzucht wiedergibt. Dabei spricht man von den nachstehenden Inzuchtverfahren: Der mäßigen Inzucht (Verpaarung entfernter Verwandter), der engen Inzucht (Verpaarung zwischen Nichte x Onkel; Cousine x Cousin oder Tante x Neffe,) und der Inzestzucht (engste Verwandtschaftspaarung, Eltern x Kinder und Großeltern x Enkelkinder, Geschwisterpaarungen).

Bei den Inzuchtverfahren besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass gleiche genetische Anlagen zusammentreffen, so dass es zu einer Zunahme von reinerbigen Merkmalen und einer Verminderung von mischerbigen Merkmalen kommt. Dadurch entstehen einheitliche Typen in der Tier- und Pflanzenwelt.

Wegen befürchteter Inzuchtschäden trifft die Inzucht in Züchterkreisen aber häufig auf Ablehnung. Dieses Vorurteil ist aber falsch, sofern man die Inzucht planmäßig betreibt und man sich mit den genetischen Zusammenhängen genauer befasst. Denn ganz im Gegenteil, bietet die Inzucht auch eine Reihe von Vorteilen. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass uns die jeweiligen Inzuchtformen auf dem einfachsten Weg ermöglichen den Erbwert unseres Zuchtmaterials zu ermitteln, entsprechend zu festigen und sogar zu verbessern. Dies liegt an der wesentlich größeren Ähnlichkeit der Erbmerkmale bei blutsverwandten Tieren im Vergleich zu blutsfremden Tieren, d.h. mit anderen Worten, dass die Reinerbigkeit zunimmt und die Spalterbigkeit verringert wird. Man sollte umgekehrt natürlich auch nicht verschweigen, dass eine fehlgeplante Inzucht auch ebenso schnell großen Schaden, wie Anomalien (siehe hierzu auch Kapitel 6), in einer Zucht verursachen kann. Hier spricht man dann von der sogenannten Inzuchtdepression.

Vorurteile der Inzucht

-     Ausnutzung des Heterosiseffekt  à besonders ausgeprägte Leistungsfähigkeit der Nachkommengeneration vor allem in den Merkmalen mit einem niedrigen Erblichkeitsgrad wie Vitalität und Fruchtbarkeit

-   die positiven Eigenschaften des Erbgutes treffen unmittelbar aufeinander und können somit gefestigt und verstärkt werden  à  Steigerung der Erbfestigkeit

-    Inzuchtstabilität der Merkmale mit einem hohen Erblichkeitsgrad (u.a. Wachstum; Fleischqualität).die positiven Eigenschaften des Erbgutes treffen unmittelbar aufeinander und können somit gefestigt und verstärkt werden  à  Steigerung der Erbfestigkeit.

Nachteile der Inzucht

-   die negativen Eigenschaften des Erbgutes treffen unmittelbar aufeinander (insbesondere bei Geschwisterpaarungen) und die unerwünschten Merkmale treten besonders stark in Erscheinung evtl. sogar Anomalien à Inzuchtdepression

Größere Gefahr der Entstehung von Letalfaktoren (Faktoren mit Todesfolge)

- Besondere Inzuchtanfälligkeit der Merkmale mit einem niedrigen Erblichkeitsgrad (u.a. Vitalität, Fruchtbarkeit, Gesundheit, Widerstandfähigkeit).

Je höher der Inzuchtgrad, desto eher entstehen Inzuchtschäden.

Eine spezielle Art der Inzucht ist das Topcross-Verfahren, hierbei werden ingezüchtete Vatertiere mit weder verwandten noch ingezüchteten Häsinnen verpaart. Dadurch, dass nur die Rammler ingezüchtet sind, mindern sich die Risiken der Inzucht.

Abschließend bleibt festzuhalten, dass das Inzuchtverfahren in den meisten unserer überschaubaren Rassekaninchenzuchten auf irgendeine Art und Weise früher oder später einmal unvermeidlich zum Einsatz kommt.  Wenn man dabei die Inzucht gezielt einsetzt und den unerwünschten Effekten durch Selektion entgegenwirkt, kann  die Inzucht oft ein sehr nützliches Mittel zur Festigung des Erbwertes sein. Da die Inzucht eine sehr komplexe und anspruchsvolle Zuchtform ist, die sehr umfangreiche Kenntnisse in der Genetik erfordert, sollten Zuchtanfänger dieses Zuchtinstrument nur bedingt einsetzen. 

Eine zielgerichtete und sinnvoll geplante Inzucht verknüpft mit intensiver Selektion ist m. E. das erfolgreichste Konzept um erwünschte Erbanlagen in einem Zuchtstamm zu festigen. Vorraussetzung hiefür  ist aber unabdingbar das gewissenhafte Führen eines Zuchtbuches über viele Jahre hinweg (siehe hierzu das Kapitel Zuchtbuchführung).

2 Wochen alte Wurfgeschwister Zwergwidder lohfarbig schwarz

2. Linienzucht, Inzuchtlinienzucht

In der Kaninchenzucht ist besonders die Linienzucht (manchmal auch Familienzucht genannt) weit verbreitet und auch für kleinere Zuchten geeignet. Sie ist eine vom Züchter angewendete Form der Inzucht. Dabei stellt sie eine Kombination zwischen Inzucht und Kreuzungszucht dar. Ursprungsgedanke der Linienzucht war es, anhand von ausgewählten Elterntieren, durch Rückkreuzung mit den eigenen Nachkommen, eine besonders erbfeste „Linie“ zu erreichen.  In kleineren Zuchten, mit nur wenigen Ausgangstieren, wird dies häufig über einen sogenannten „Stammrammler“ als eine Art „Liniengründer“ versucht, der vermehrt in die Zucht eingesetzt wird. Dies kann sowohl durch die Verpaarung mit seinen eigenen Nachkommen als auch mit blutsfremden Tieren erfolgen. Von einer „geschlossenen Linienzucht“ hingegen spricht man, wenn zur Zucht keine blutsfremden Tiere eingesetzt werden. Typisch für diese Arten von Linienzuchtaufbau ist der deutlich niedrigere Inzuchtgrad im Vergleich zur Inzuchtlinienzucht.

Indes beruht die Inzuchtlinienzucht auf einem wesentlich höheren Inzuchtgrad bis hin zur Inzestzucht. Hierbei baut man sich Zuchtstämme auf, bei der die Verpaarung zweier möglichst „wertvoller“ Elterntiere die Grundlage bildet. Dabei müssen die Ausgangstiere nicht unbedingt in allen Merkmalen den erwünschten Zuchtzielen entsprechen. Allerdings sollte man darauf achten, dass die Schwäche des einen Partners, durch eine entsprechende Stärke in dem gleichen Merkmal des anderen Partners, ausgeglichen wird. Die aus der Ausgangsverpaarung gefallenen  Nachkommen kann man dann beliebig mit der Elterngeneration zurückkreuzen (Sohn auf Mutter oder Vater auf Tochter) sowie die Geschwister untereinander verpaaren. Dadurch erzielt man eine Reinerbigkeit für möglichst viele verlangte Eigenschaften. Auf diese Art und Weise hat man die Möglichkeit, sich mehrere Stammlinien mit jeweils unterschiedlichen gewünschten Merkmalen über Generationen hinweg aufzubauen. Die direkten Nachkommen einer Paarung aus zwei unterschiedlichen Linien erzielen oftmals eine Leistungssteigerung, ähnlich der Kreuzungszucht. Wichtig ist bei der Linienzucht der ständige Aufbau eigenständiger Linien, die nicht oder nur wenig miteinander verwandt sind und reinerbig durchgezüchtet sind. Dies  ist in der Praxis allerdings oftmals sehr schwierig und mit langjähriger Zuchtarbeit verbunden. Die Zuchtform Inzuchtlinienzucht ist daher eher für große Zuchten und Züchtern mit großer züchterischer Erfahrung sinnvoll.

3. Fremdzucht

Fremdzucht bedeutet die Verpaarung von Tieren, die nicht miteinander blutsverwandt sind, aber dennoch der selben Rasse angehören. Die in der F1 Generationen gefallenen Jungtiere werden dann wiederum erneut mit „fremdem“ Zuchtmaterial verpaart. Hierbei kann das Zuchtresultat höchst unterschiedlich ausfallen, da diese Art der Zucht im Vergleich zu den bereits vorgestellten anderen Zuchtmethoden, aufgrund der vielfältigen Genkombinationen, umso mehr auf Glück und Zufall basiert. Es ist also dabei durchaus möglich, auch einmal im wahrsten Sinne des Wortes den „großen Wurf“ zu landen, genauso bitter kann aber auch die Enttäuschung sein, wenn das Erbmaterial einfach nicht zueinander passte.

II Kreuzungszucht

Ursprünglich bedeutet „Kreuzung“ das Verpaaren von Tieren unterschiedlicher Rassen. Die gezielte Kreuzung, z. B. von verschiedenen Kaninchenrassen, kann Heterosiseffekte (verstärkte Leistungseigenschaften bei den „Mischlingen“ in der ersten Kreuzungsgeneration) in den Merkmalen mit einem geringen Erblichkeitsgrad wie Fruchtbarkeit, Vitalität und Gesundheit mit sich bringen. Heutzutage wird der Begriff „Kreuzung“ aber auch oftmals verallgemeinert und generell für den Begriff „Verpaarung“ verwendet.

Bei der Kreuzungszucht wird zwischen Kombinationszüchtung und Kombinationskreuzung unterschieden. Der wesentliche Unterschied zwischen diesen beiden Zuchtverfahren ist, dass bei der Kombinationszüchtung die additiven Genwirkungen (Eigenleistungen in den Linien) und bei der Kombinationskreuzung die nicht additiven Genwirkungen (Kombinationseignungen in den Linien) ausgenutzt werden.

1.Kombinationszüchtung / Eigenschaftskombination

Kombinationszüchtung ist dann empfehlenswert, wenn das Erbgut eines Zuchtstammes ausgereizt ist, so dass man seine Zuchtziele mit der bestehenden Zuchtlinie und deren Erbgut nicht mehr verwirklichen kann. Durch Einkreuzung fremder Rassen oder Farbenschläge wird der bestehende Genbestand entsprechend neu bereichert. Hierbei unterscheidet man wiederum zwischen Veredlungszucht (höchstens zweimaliges Einkreuzen einer fremden Rasse) und Verdrängungskreuzung (mindestens dreimaliges Einkreuzen einer fremden Rasse).

Je häufiger man die fremde Rasse oder den fremden Farbenschlag einkreuzt, desto mehr nimmt die Ursprungsrasse die Merkmale der eingekreuzten Rasse an. Daher auch der Begriff Verdrängungskreuzung, da die ursprünglichen Merkmale im wahrsten Sinne des Wortes verdrängt werden. Die Verdrängungskreuzung findet in der Tierzucht häufig Anwendung zur Bildung neuer Rassen und Farbenschläge, es wird somit eine neue sogenannte Reinzuchtpopulation gebildet.

Je häufiger man die fremde Rasse oder den fremden Farbenschlag einkreuzt, desto mehr nimmt die Ursprungsrasse die Merkmale der eingekreuzten Rasse an. Daher auch der Begriff Verdrängungskreuzung, da die ursprünglichen Merkmale im wahrsten Sinne des Wortes verdrängt werden. Die Verdrängungskreuzung findet in der Tierzucht häufig Anwendung zur Bildung neuer Rassen und Farbenschläge, es wird somit eine neue sogenannte Reinzuchtpopulation gebildet.

2. Kombinationskreuzung/ Gebrauchskreuzung

Die Kombinationskreuzung wird vorwiegend in der kommerziellen Tierzucht eingesetzt. Sie dient der Züchtung sogenannter Gebrauchstiere und wird daher oftmals auch Gebrauchskreuzung genannt. In der gewerblichen Kaninchenzucht etwa erfolgt mit dieser Zuchtwahl häufig die Zucht von Hybriden (Mischlings- oder Kreuzungstiere) zur Fleischgewinnung. Um den Hybrideffekt (Heterosis) auszulösen, werden gezielt Tiere verschiedener Rassen mit unterschiedlichen Eigenschaften miteinander gekreuzt. Man nennt dies auch „Luxurieren“. Man unterscheidet hierbei verschiedenen Formen der „Mehrfachkreuzung“ wie z. B. Zwei-Rassenkreuzung, Drei-Rassenkreuzung und Vier-Rassenkreuzung. Ausschlaggebend ist hierbei jedoch, dass mit den Nachkommen (F1 Generation) nicht mehr weiter gezüchtet wird, d.h. diese Tiere sind bereits das „Endprodukt“ zum abschließenden Gebrauch (z. B. Fleisch oder Fellgewinnung). Die Endkreuzungstiere liefern durch den, durch die Kreuzung hervorgerufenen Heterosiseffekt, einen höhern Ertrag in den gewünschten Eigenschaften als bei den Ausgangstieren und sind somit wirtschaftlicher. Der weitere Zuchteinsatz von Endkreuzungstieren jedoch würde zu sogenannten „Rekombinationsverlusten“ führen, d.h. schlechtere Leistungseigenschaften in der F2 Generation durch den verminderten Heterosiseffekt.

2 sehr vitale und frohwüchsige junge Kreuzungskaninchen

Resümee

Um den Rahmen nicht zu sprengen, handelt es sich bei den oben aufgeführten unterschiedlichen Zuchtmethoden nur um die vermeidlich bekanntesten Formen. Für welche Zuchtweg man sich nun schlussendlich entscheidet, bleibt natürlich jedem selber überlassen. Entscheidend ist aber, dass man seine eigenen Zuchtziele vor Zuchtbeginn genau definiert um sich dann dementsprechend die jeweils geeigneten Zuchtformen auszuwählen. Bei der Zuchtwahl sind natürlich bestimmte äußere Faktoren zu berücksichtigen. Hierzu zählen vor allem die persönlichen erbbiologischen Kenntnisse, das zur Verfügung stehende „Zuchtausgangsmaterial“ und der „Zuchtgrößenumfang“. Ich möchte auf diesem Weg jedoch an die Vernunft der Züchter appellieren, die sich der Verantwortung bei der „Schaffung neuen Lebens“ immer bewusst sein sollten.

Autor: Christoph Schumacher, Langerwehe.

Artikel aus der Ausgabe 15/2007 des Deutschen Kleintierzüchters (Kaninchenzeitung)

Quellennachweis:

www.wikipedia.de Rassekaninchenzucht K. Dorn (Neumann Verlag),Kaninchenvererbung Heidrun Eknigk (Oertel & Spörer Verlag); Das große Buch vom Kaninchen Wolfgang Schlolaut (DLG-Verlag), Kaninchenhaltung U.Reber (Oertel & Spörer Verlag); Lehr- und Informationsschrift ZDRK

Bilder und Fotografien:

(1.1 Zwergwidder) Christoph Schumacher, (Jungtiere Zwergwidder) Christoph Schumacher; (Foto Kreuzungskaninchen) Christoph Schumacher.

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