Die Grundlagen der Genetik

Für den Jungzüchter

Die Mutation

Kapitel 3

Unter dem Begriff Mutation (lateinisch = Änderung) versteht man die sprunghafte Veränderung des Erbgutes bei Organismen. Mutationen treten spontan auf und sind eine natürliche Erscheinung seit Bestehen der Erde. Mutationen können verschiedene Ursachen haben. Im wesentlichen können Mutationen mit oder ohne Fremdeinwirkungen hervorgerufen werden. Mutationen, die ohne fremde Einwirkungen entstehen, nennt man auch spontane Mutationen. Bei Mutationen, die von außen bewirkt werden, spricht man von induzierten Mutationen. Ferner unterscheidet man Mutationen  auch nach der erfolgten Veränderung, also nach dem Ausmaß der Mutation. Man spricht von Genmutation, wenn nur einzelnen Erbanlagen betroffen sind, werden die Erbeinheiten in Ihrer Struktur verändert, handelt es sich um eine Chromosomen- oder Segmentmutation (Chromosom = Träger der Erbinformationen im Zellkern). Genmutationen sind theoretisch in unterschiedlichen Varianten möglich, dabei können sich gleiche Veränderungen wiederholen. Die Anzahl der unterschiedlichen Abwandlungen ist allerdings begrenzt.

Eine Mutation kann eine Vielzahl von Auswirkungen zur Folge haben. Hier alle Effekte bei der Veränderung des Erbgutes erschöpfend aufzuführen und zu erklären, würde den Rahmen deutlich sprengen. Es sei nur gesagt, dass eine Mutation  sowohl negative als auch positive Nachwirkungen mit sich ziehen kann. Ebenso aber auch völlig folgenlos bleiben kann (stille oder stumme Mutation). Negative Auswirkungen sind vor allem Erbkrankheiten und Fehlbildungen die durch Mutationen ausgelöst werden. Das wohl bedeutsamste Ergebnis der Mutation ist die Artenvielfalt. Im Bezug auf unsere Rassekaninchenzucht bilden die durch die Mutation entstandenen neuen Wirkungsweisen die Grundlage für die Herauszüchtung neuer Rassen. Der ursprüngliche Sinn der Mutation ist es, das Überleben einer Art zu sichern. Dies geschieht durch Anpassung des äußeren Erscheinungsbildes (Phänotyps)  an seine Umgebung, beispielsweise der Schneehase, der im Winter ein weißes Haarkleid trägt, dass ihm in der schneebedeckten weißen Landschaft zur Tarnung dient.

Schneehasen

Kapitel 4

Die Mutationsreihen

Die Vererbung der Fellfärbung beruht auf den Grundlagen der Mendelschen Gesetzen (siehe auch Kapitel 2). Die Färbung des Kaninchenfells entsteht durch Einlagerung von Pigment, dem Melanin, in das Einzelhaar. Diese Pigmente sind in Menge, Form und Größe sehr unterschiedlich. Dabei können sie gehäuft auftreten oder gleichmäßig im Haarkleid verteilt sein. Bestimmte Prozesse der Pigmentbildung und Einlagerung können durch Mutation von Genen blockiert werden.

Die Vererbungslehre geht von einer hasengrauen Urfarbe des Hauskaninchenfells aus. Es ist dabei wissenschaftlich erwiesen, dass die Fellfarbe der hasengrauen Kaninchen, die der Wildfarbe am nächsten steht. Diese hasengraue Farbe beruht auf dem Zusammenwirken von fünf verschiedenen Erbfaktoren, man bezeichnet diese fünf Erbanlagen auch als Grundfaktoren. Von Mutationsreihen spricht man dann bei der schrittweisen Veränderung dieser Grundfaktoren. Die fünf Erbanlagen (Grundfaktoren) werden durch die fünf Großbuchstaben ABCDG dargestellt. Diese Großbuchstaben drücken gleichzeitig auch die Dominanzwirkung des jeweiligen Erbfaktors zu den untergeordneten Erbanlagen in der jeweiligen Mutationsreihe aus. Die untergeordneten (rezessiven) Faktoren werden entsprechend mit Kleinbuchstaben symbolisiert (abcdg).

Die genannten Buchstaben haben jeweils eine bestimmte Bedeutung für die Fellfärbung, welche im Folgenden näher erläutert werden wird. Die Reihenfolge der aufgeführten abgewandelten Gene einer jeweiligen Serie entspricht der Dominanzwirkung. Für die Farbbeschreibung der einzelnen Farbenschläge in der Kaninchenzucht ist das Verständnis für die Mutationsreihen (Serien) unabdingbar.

A-Serie

A  ist der Grundfaktor für die Farbstoffeinlagerung, er ist notwendig, damit überhaupt  Pigment gebildet werden kann.

A: Pigment- oder Farbfaktor

ad: Dunkelchinchilla, Teilalbino

achi: Chinchillafaktor, Teilalbino, Gelb- und Rottöne werden nicht gebildet.

am : Marderfaktor, der Farbverlust breitet sich hier leicht auf die Iris aus

an: Russenfaktor, der wohl bekannteste Teilalbino, bewirkt die Schwarzfärbung exponierter Körperteile, wie Ohren, Nase und Pfoten, bedingt durch Kältereiz.

a:  Vollständige Unterdrückung der Pigmentbildung, folglich Weißhaarigkeit. Typisch für den sogenannten  Albinismus sind weiße Haare, Farblosigkeit der Haut und der Krallen und eine farblose Iris (nur die Blutgefäße im Augenhintergrund lassen die Augen rot erscheinen)

Deutscher Widder weiß Rotaugen

B-Serie

Das Symbol B unterstützt die Bildung und Wirkung von dunklen Pigmenten, Gene der B-Serie sind notwendig, damit dunkle Farben gebildet werden können.  

Be: Eisengrau Faktor für Eisengrau, dominiert über den Faktor G.

Bee : Dunkeleisengrau. 

B: Faktor für dunkles Pigment (Dunkelfärbung).

bj : Japanerfaktor, bewirkt die flächige Aufteilung von  hellen und dunklen Bereichen im Fell.

b:  ist der Vererber für Gelbfärbung, weiteste Aufhellung des Grundfaktors B.

b0: weiterführende Aufhellung der dunklen Pigmente.

Gene der C-Serie

Gene der C-Serie sind notwendig, damit schwarz gebildet werden kann.

C: Erbfaktor für Schwarzfärbung.

c: Erbfaktor für Braunfärbung (Havanna), dabei stellt c einen Farbverlust zu C dar.

D-Serie

Diese Gene regulieren die Menge des Pigments, das im Einzelhaar eingelagert wird. Das schwarze Pigment kann seine Intensität nur dann voll zur Geltung bringen, wenn es dicht eingelagert ist.

D: Bewirkt die Dichte der Schwarzeinlagerung im Haar.

d: Erbfaktor für Blaufärbung, entsteht demnach durch die Verringerung der Dichte der schwarzen Pigmentierung, man nennt diesen Vorgang „Verdünnung“.

G-Serie

Gene der G-Serie bewirken die Einzelhaar- und Körperzonierungen

G: vererbt die zonenweise Verteilung der Grundfarben beim wildfarbigen Tier, man nennt ihn Wildfarbigkeitsfaktor. Zur  charakteristischen Aufteilung der Wildfarbigkeit zählt auch die Weißfärbung des Bauches sowie der Innenseite der Schenkel und der Blumenunterseite.

g0: Lohfaktor. Die Einzelhaarzonierung wird unterdrückt, die Körperzonierungen werden ausgebildet. Es handelt sich hierbei um eine Art Zwischenform auf dem erbbiologischen Weg von der Wildfarbigkeit zur Einfarbigkeit also zwischen G und g. Es wird eine Aufhellung der lohtypischen Körperzonen bewirkt, die Lohfarbe selber entsteht dadurch aber noch nicht.

g: hebt die Farbzonen im Fell auf und ist somit der Erbfaktor für die Einfarbigkeit des Fells

Lohkaninchen schwarz

Neben den Genen der fünf Grundfaktoren kommen folgende weitere Serien und Faktoren hinzu:

Y-Serie

Y: normales Gelb

y: Gelbverstärker

X-Faktoren

X: volle Pigmentierung.

x: Leuzismus (auch Weiße Wiener Faktor genannt).

Silberungsfaktoren

P: Silberung.

p : keine Silberung.

Faktoren für Punkt – und Fleckenscheckung

K: Punkt-  und Fleckenscheckung.

k: keine Scheckung.

Faktoren für Gürtelscheckung

s: Holländerfaktor, bewirkt die gürtelförmige Scheckung der Holländerkaninchen.
 
S: keine Scheckung.

Anmerkung: Bei den Faktoren  y, P und s spricht man von Polygenie, das bedeutet die Beteiligung mehrerer Gene an der Ausbildung eines Merkmals.

Kapitel 5

Die Medifikation

Neben den genetischen Veränderungen von Erbanlagen also der Mutation, wirken sich auch Umwelteinflüsse auf den Gesamtorganismus aus. Den Einfluss von äußeren Faktoren auf den Organismus nennt man Modifikation. Modifikationen sind dabei aber nicht vererblich. Zu den Umwelteinflüssen gehören in erster Linie klimatische Faktoren wie Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Helligkeit etc.. Es gibt aber auch  vom Mensch bewirkte Einflüsse, zu denen insbesondere die Haltungsbedingungen eines Tieres zählen (Pflege, Hygiene, Stallgröße, Fütterung usw.).Das bedeutet, dass der gleiche Genotyp durch äußere Einflüsse seinen Phänotypen (Erscheinungsbild) verändern kann. Ein bekanntes Beispiel für eine klimatische Modifikation ist die durch den Kältereiz bedingte Pigmentreaktion der schwarzen Fellabzeichen beim Russenkaninchen (Akromelanismus).

Russenkaninchen schwarz-weiß

Autor: Christoph Schumacher, Langerwehe.

Artikel aus der Ausgabe 12/2007 des Deutschen Kleintierzüchters (Kaninchenzeitung)

Quellennachweis:

wwww.wikipedia.de Rassekaninchenzucht K. Dorn (Neumann Verlag), Kaninchen und Nagetiere Verhoef-Verhallen (Naumann und Göbel Verlag), Kaninchenvererbung Heidrun Eknigk (Oertel & Spörer Verlag); Das große Buch vom Kaninchen Wolfgang Schlolaut (DLG-Verlag),

Fotos:

((Schneehasen) Internet; (Dt. Widder weiß RA) Wolfgang Jensen; (Loh schwarz) Christoph Schumacher; (Russenkaninchen) Daniel Bürling

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