Ein Bericht über das Englische Widderkaninchen.

Kaninchen mit herabhängenden Ohren übten auf Charles Robert Darwin (1809-1882) eine besondere Faszination aus.

Wer war Charles Robert Darwin? Die Antwort findest Du hier.

Vorgeschichte

Die Englischen Widder ist ein Kaninchen mit einer wahrlich wechselvollen Geschichte. Einst als >>König unter den Kaninchen<< mit hohen Ehren und Preisen ausgezeichnet, fristet die Rasse heute eher ein "Mauerblümchen-Dasein".

Siegergruppe 2006

Über die ersten Anfänge der Zucht lässt sich heute kaum etwas Genaues sagen. Gesicherte Hinweise auf die Zucht hängeohriger Kaninchen liegen seit dem Jahr 1810 aus England vor. Ob nun diese Tiere aber zuerst in England oder in Frankreich entstanden, darüber besteht selbst heute keine Einigung unter den Fachmännern.

Bei der Besprechung des Französischen Widderkaninchens wurde die Meinung unterstützt, dass die Widderkaninchen erstmals in Frankreich aufgetreten und gezüchtet worden sind und somit der französische Stamm zur Ausgangsrasse für den englischen Vetter wurde. Nachtsheim sieht ebenfalls im Englischen Widder eine Weiterzüchtung des Französischen Widders. Werner Möbis neigt dagegen auf Grund der Kaninchenbeschreibung von Cuvier und John Lawrence ( Pseudonym Bonigton Moubray) zu der Ansicht, dass "das hängeohrige Kaninchen in den ersten beiden Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts in England herausgezüchtet wurde". Es sei dann in den Jahren zwischen 1840 und 1855 nach Frankreich ausgeführt und hier zum Lapin Bélier (= Widderkaninchen) entwickelt worden.

Fakt aber ist, dass es im Jahre 1850 Widder (full lops) nach unserem heutigen Verständnis der Behangausbildung d.h. mit zwei hängenden Ohren, gab. Daneben existierten noch weitere Ausprägungen der Tragweise. Die "full lops " wurden  letztendlich  im Jahre 1870 als  alleinige  Form  anerkannt  und  bis  heute   weitergezüchtet. Die Englischen Widder mit ihren - wie Nachtsheim humorvoll und zutreffend schreibt -"geradezu ins Groteske gesteigerten Ohrenlänge" wurden die Majestätischen aus England zwischen 1880 und 1890 durch Paul Starke, Dresden zum ersten Mal nach Deutschland eingeführt und feierten unter den damals rein sportlich eingestellten Züchtern wahre Triumphe. Diese "Superohr-Rasse" galt jahrelang als "Königin der Rasse". Sie wurden bei uns 1893 im Standard aufgenommen und dadurch amtlich anerkannt. Man teilte sie in dieser Zeit je nach der Länge beider über den Kopf hinweg gemessen Ohren ("Behanglänge") in drei Klassen ein: Widderkaninchen über 50 cm Behanglänge, Widderkaninchen mit 45 bis 50 cm Behanglänge, Widderkaninchen unter 45 cm Behanglänge.

Die Klasseneinstufung ist dann später wieder weggefallen, als man noch andere Zuchtziele in den Vordergrund stellte wie Körperform, Fellgüte und Fellfarbe. 1914 wurden auf der Großen Leipziger Schau 49 Englische Widder ausgestellt, von denen ein Großteil zur "Hochburg" der Rasse in Rochlitz in Sachsen gehörte.

Mit der Einführung 1920 der drei Standards von Bund Deutscher Kaninchenzüchter, des Preußischen und Sächsischen Standards (Reformstandard) wurde ein starker Aufwärtstrend wahrgenommen. Jeder verband konnte nach eigenem Ermessen bestimmen und handeln. Erst 1938 kam es zur Verschmelzung durch die Reichsbewertungsbestimmungen, was mit dem Niedergang der Englischen Widder einherging.

Während des zweiten Weltkrieges warb man in der Kaninchenzucht für Rassenbeschränkung und damit auch der Zucht des Englischen Widders Abbruch getan. Es war zu begrüßen, dass sich Friedrich Joppich nach 1945 auch aus geschichtlichen Gründen dafür einsetze, diese Rasse zu erhalten. Auf der DDR-Siegerschau 1971 in Leipzig war die Rasse mit 11 Tieren in Schwarz und Madagaskar vertreten.

Rasseverbesserung

Die Rasse war anfällig gegenüber Kälte und jedweder Krankheit geworden. Erkältungen und  Schnupfen nach Schauen waren die Regel; eine Erscheinung, die auch in den 50 Jahren des vergangenen Jahrhunderts noch in den USA auftrat und die durch Einkreuzung von Riesenkaninchen ausgemerzt werden konnte. Aufgrund dessen wandten sich viele Züchter in Europe zu beginn des letzten Jahrhunderts von dieser edlen Kaninchenrasse ab und neuen Moderassen zu.

                        

                      

Rassebeschreibung

Die beiden Kriege und die Aufhebung des Klassensystems für Englische Widder, d.h. einer groben Einteilung nach verschiedenen Behanglängen taten ihr Übriges zum Rückgang der Rasse, da nun kürzere Behänge keine Chance mehr bei den Schauen hatten, wodurch sich die Züchter dieser kurz beohrten Englischen Widder veranlasst sahen, ihre Zuchten aufzugeben.

Mit den wenigen von Tieren, die nach dem Krieg noch übrig waren, wurde langsam versucht, die Zucht wieder aufzubauen. Aber die Zucht wieder auf eine ausreichend breite Basis zu stellen, klappte nicht richtig. Lange Zeit wurde es ruhig um die frühere Moderasse und nur einer handvoll Idealisten ist es zu verdanken, dass der Englische Widder nicht ganz von der Bildfläche verschwunden ist.

Anlässlich der Bundes-Kaninchenschau 1987 in Nürnberg und Stuttgart trafen sich die Züchter der Englischen Widder, um sich in einer Interessengemeinschaft zu organisieren. Es tat sich was. Ziel der Interessengemeinschaft war es, die Zucht der Englischen Widder wieder auf eine breite Basis zu stellen und so diese geschichtsträchtige Rasse für kommende Generationen zu erhalten.

Dazu gehörte natürlich auch, dass Zuchttiere aus verschiedenen Ländern ausgetauscht, Zuchtziele besprochen und in der heutigen Zeit natürlich auch tierschutzrelevante Themen diskutiert werden. Mittlerweile sind Züchter aus der Schweiz, aus Österreich und natürlich aus Deutschland untereinander organisiert und treffen sich jährlich zum Austausch von Neuigkeiten und Erfahrungen. In den letzten Jahren hat der Englische Widder eine positive Entwicklung gemacht, was mit einiger Sicherheit auch den oben angesprochenen Zuchttierimporten (gerade aus der Schweiz) zu verdanken ist. Sieben Farbenschläge stehen dem interessierten Züchter als Betätigungsfeld zur Verfügung. Dabei dürfen gerade die nicht thüringerfarbigen Englischen Widder dringend einer weiteren Verbreitung. Ansonsten werden bald Farbenschläge aussterben.

Ein Blick zum Nachbarn, in der Schweiz sieht der Standart von 2003 etwas anders aus, was sich ebenso von der Verbreitung sagen lässt. "Weniger kann mehr sein", scheint die Devise, denn eine im Vergleich zu Deutschland gute Verbreitung aller Farbenschläge spricht für den Standard und die Standardanforderun- gen der Schweizer. Der heutige deutsche Standard hat sich an dieser Musterbeschreibung orientiert.

Am Anfang des 21. Jahrhunderts züchten in Deutschland noch ca. 30 Züchter und Zuchtgemeinschaften dieses eindrucksvolle Rassekaninchen, wobei das Schicksal der seltenen Farbenschläge oft nur in der Hand eines oder zweier Züchter liegt. Dass unter diesen Umständen - siehe Bestandgrößen, Alter vieler Züchter und Entfernungen zwischen den Zuchtstätten - keine großen Sprünge im Zuchtstand der Rasse zu erwarten sein können, dürfte jedem einleuchten. Ebenso klar wird es angesichts dessen auch, dass sich die Züchter der Englischen Widder in Bescheidenheit üben, was die Farbschlagskala angeht. So finden sich neben den häufigen Thüringerfarbigen, Graue der verschiedenen Varianten, Schwarze, Blaue, Weiße mit roten Augen, Gelbe sowie deren Schecken ab und an bei den Ausstellungen ein, wenngleich alle anderen Farbenschläge anerkannt sind.

Englischer-Widder vor 1950

Quelle: Auszug aus "Deutscher Kleintier-Züchter" Nr.15/2002, Siegfried Liedtke,  "Kaninchen" 1672005, Phillip Fritz,  und "Rasse-Kaninchen Zucht" von F.Karl Dorn. Das Bildmaterial stellte uns Rene u.Rösli Karpf, Kai Sander und die AG der Widderzüchter zur Verfügung.

Wir danken den Rösli u.Rene Karpf, Kai Sander und  Wolfgang Jensen für deren Mitarbeit.

Für Ergänzungen oder weitere Hinweise sind wir sehr dankbar

Siehe auch: http://www.beepworld.de/members87/englishpearls/englishlop.htm   oder   http://www.englischwidder.ch.vu

Das Bildmaterial stellten uns freundlicherweise Ph. Fritz, S. Liedtke und R. Karpf, Schweiz zur Verfügung.

Rassebeschreibung

Siehe: ZDRK - Standard von 2004 und Europa - Standard 2012 oder Schweizer Standard

Das Copyright für diesen Bericht liegt bei den Zuchtfreunden Ph. Fritz, S. Liedtke, dem Autor F. Karl Dorn bzw. der Arbeitsgemeinschaft der Widderzüchter.

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